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Ein Familienwohnsitz

Die von Paul Cavrois in Auftrag gegebene Villa wurde zwischen 1929 und 1932 von Architekt Robert Mallet-Stevens errichtet. Sie bot Platz für eine Familie mit sieben Kindern sowie für Dienstpersonal. Die Villa wird mit gelben Verblendziegeln neu gedeckt und mit einem Betongerüst und doppelten Mauern aus rotem Ziegelstein gestützt und gilt als Gesamtkunstwerk und einmaliges Beispiel für das homogene Zusammenspiel von Architektur, Dekor und Mobiliar. Sie besticht durch ein Manifest ausTechnik und Ästhetik ihres Architekten, der bei der Materialauswahl sehr sorgfältig vorging.

Eine unglückliche Bestimmung

Von 1940 bis 1944 wird die Villa von den deutschen Besatzungstruppen beschlagnahmt. Ende des Krieges kommt es zu schweren Schäden. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1947 beauftragt Paul Cavrois den Architekten Pierre Barbe mit dem Bau von zwei Wohnungen fur seine ältesten Söhne. Die Familie lebt bis 1985 in der Villa. Im darauf folgenden Jahr wird das Anwesen an eine Immobiliengesellschaft verkauft, die den Park aufteilen mochte. Obwohl das Anwesen 1990 offiziell unter Denkmaischutz gestellt wurde, versäumt es der neue Eigentümer sie instand zu halten und öffnet der Plünderei Tür und Hof. 2001 wird die Villa vom Staat gekauft, um sie dann am 31. Dezember 2008 an das Centre des monuments nationaux zu übergeben.


Die Restaurierung


Anfang 2003 beauftragt der Staat umfangreiche Renovierungsarbeiten an der Villa, die in mehreren Phasen ausgeführt werden sollen : Stützung der Strukturen, Restaurierung der Einfriedungen und Dächer, Garten, Innenräume. Zweck der Arbeiten ist die Wiederherstellung des historischen Originalzustands im Jahr 1932. Der ursprüngliche Umfang der Teile und Dekors wird mithilfe von alten Fotografien und archäologischen Aufzeichnungen rekonstruiert. Sämtliche Beleuchtung, Mobel, Dekors sowie Regale und Bänke werden mit Originalmaterial rekonstruiert. Die Holzfußböden, Metallrahmen und Marmorplastiken werden restauriert oder rekonstruiert. Im Rahmen der Restaurierungsarbeiten im Park wurden feine Spuren des Originalbodens gefunden, wodurch die früheren Alleen genau ermittelt werden konnten. Anhand alter Fotos wurden originalgetreue Pflanzen neu eingesetzt. Die wàhrend des Krieges versiegte Wasseranlage und das Schwimmbecken wurden originalgetreu rekonstruiert. Diese Restaurierungsarbeiten erfolgten unter der Leitung der Regionaldirektion für kulturelle Angelegenheiten von Nord-Pas-de-Calais und sie wurden dann zwischen 2009 und 2015 vom Centre des monuments nationaux fortgeführt. Seit 2012 ist die Villa Teil eines weltweiten Programms fur die Erhaltung von symbolträchtigen Gebäuden aus dem 20. Jahrhundert : " Iconic Houses ".


Robert Mallet-Stevens (1886-1945)

Der in Paris als Sohn einer belgischen Familie geborene Architekt ist stark geprägt von den Arbeiten des Wieners Joseph Hoffman, Erbauer des Palais Stoclet in Brüssel. Sein Interesse gilt den Werken von Frank Lloyd Wright und Bauhaus in Deutschland und er steht in engem Kontakt zur holländischen Künstlergruppe De Stijl. 1929 ist er Gründungsmitglied der Zeitschrift L'Architecture d'aujourd'hui sowie der Union des artistes modernes, bei der er den Vorsitz übernimmt. Er gilt als Schöpfer von symbolträchtigen Bauten, wie z. B. die Villa Noailles in Hyères (1923-1933) sowie spezielle Hotels in Paris, die nach ihm benannt wurden (1927-1930). Zu seinen Werken zählen jedoch auch Industriegebäude, Garagen, Geschäfte und Pavillons fur Ausstellungen. Zwischen 1922 und 1928 gestaltet er die Kulissen fur ein Dutzend Filme, u. a. L'inhumaine von Marcel L'Herbier. Aile seine Bauten bestechen durch präzise Geometrien und Formen, die Schlichtheit von Volumen und die Funktionalität. 1935 wird er zum Direktor der Hochschule fur die Schönen Künste in Lille ernannt. Nach seinem Tod werden aile seine Archive auf seinen Wunsch hin zerstört.


Hintergrund über den Auftrag

Nachdem ein erstes Projekt überWohnhäuser im Jahr 1925 an Jacques Gréber vergeben wurde, der er nicht Folge leistet, wendet sich Paul Cavrois an Robert Mallet-Stevens. Er wünscht ein großes modernes Haus auf dem Gelände von Croix auf dem Land von Beaumont. Er entspricht dem Wunsch, sich von der traditionellen Bauweise in der Region abzuwenden und wendet sich an einen Architekten, der bereits auf der Exposition internationale des Arts décoratifs imjahr 1925 für Aufsehen gesorgt hatte. Die ersten Entwürfe stammen aus dem Jahr 1929. Im darauf folgenden Jahr geht Mallet-Stevens mit Paul Cavrois und seinem Sohn Jean nach Holland, um dort das von Willem Dudok (1884-1974) entworfene Rathaus von Hilversum zu begutachten. Paul Cavrois ist gewillt, diesen modernen Zeitgeist und die Geometrien dieses Bauwerks aufzunehmen, genauso wie die gelben Ziegel, die speziell fur die Villa hergestellt wurden. Die Arbeiten beginnen imjuni 1930. Anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Geneviève offnet das Ehepaar Cavrois am 6. Juli 1932 die Türen.

Die Familie Cavrois

Paul Cavrois (1890-1965) entstammt einer industriellen bürgerlichen Familie aus Roubaix und ist Eigentümer zweier Fabriken für Spinnereiwaren und Textilien sowie einer Färberei. Im Jahr 1919 heiratet er Lucie Vanoutryve (1891-1985). Sie ist die Witwe seines Bruders Jean, der 1915 im Krieg gestorben ist. Während ihrer Ehe werden vier Kinder geboren. Aus ihrer Ehe mit Jean Cavrois hat Lucie weitere drei Kinder.


Zur Information

Geführte Touren an Wochentagen
Souvenirshop
Der Reiseführer zu diesem Bauwerk ist in der Reihe " Itinéraires " in 2 verschiedenen Sprachen im Souvenirshop erhältlich.

Sieh die Website auf deutscher Sprache des Zentrums der Nationalen Monumente, hier klickend







Die Villa Cavrois in Croix I Moderne in Form einer Villa



Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias
Letzte Aktualisierung am 29.07.2015
CROIX,  FRANKREICH
NPDC 2015 I Industrielles Erbe mit Überraschungen  - Es gibt Orte, da verdichten sich Epochen in Architektur zu erfahrbarer Geschichte. Die Villa Cavrois im nordfranzösischen Croix (direkt neben Roubaix) ist einer davon. Ein Jahrzehnt Stilgeschichte sind in der Atmosphäre des Hauses konserviert, seit Juli 2015 für die Öffentlichkeit fühlbar, erlebbar.
Unsere Erlebnisse klingen wie der Auszug aus einer enthusiastisch geschriebenen Info-Broschüre. Und wer vor der imposanten, verpackungsfrischen Villa steht, die sich so nüchtern und zurückhaltend und doch so stattlich mit einer guten Portion Selbstbewusstsein auf der frisch renovierten Fassade in die Straße setzt, der fühlt sich angesichts der Kosten und der Akribie, die die Restaurierung der Anlage gefordert hat, etwas eingeschüchtert.
Man kann der Villa mit beidem begegnen - Nüchternheit und Schwärmerei, letztendlich wird man das Gelände nicht verlassen, ohne sich vom Haus nicht mindestens eine Geschichte über das Leben einer großindustriellen Familie aus den 1930 ern erzählt haben zu lassen.



1932 von den Textil-Industriellen Paul und Lucie Cavrois in Auftrag gegeben, erschuf Architekt Robert Mallet-Stevens innerhalb von drei Jahren konzentrierte, homogene Moderne in Form einer Villa, die perfektionistisch durchdachten Lebensraum für die Eltern mit ihren sieben Kindern und dem Hauspersonal bot. Seinerzeit rief das nicht nur Bewunderer auf den Plan. Das Haus war eine architektonische Revolution, die provozierte. Die Pläne des Architekten galten als avantgardistisch, Teile der Nachbarschaft fühlten sich durch die akkurate, auf Symmetrie und klare Linien konzentrierte Fassade gestört. Doch auch die Epoche meinte es nicht gut mit dem Gebäude. Während des zweiten Weltkrieges musste die Familie aus der Stadt fliehen, deutsche Soldaten besetzten das Haus und wüteten auf dem Gelände. Die Gartenanlage wurde zerstört, Teile der Architektur eingerissen und abgeschliffen. Als die Familie Anfang der 1950er zurückkehrte, musste zur Instandsetzung der Villa ein weiterer Architekt beauftragt werden.
Nach dem Tod der Cavrois Mitte der 1980er fraßen sich Zeit und Plündereien durch das verwaiste Haus. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhundert war die ehemalige Familienresidenz tot, ein verrosteter, gebrochener Rest ehemaliger Villenromantik, deren Schicksal absehbar zu sein schien. Bis die Regierung das Gelände 2001 aufkaufte und dem Potential des Gebäudes den Status als Monument Nationaux zugestand - und die Zukunft der Villa somit dem Tourismus verschrieb.




Mehr als zehn Jahre und knapp zwanzig Millionen Euro kostete es, bis das ausgehöhlte Gebäude seine eigene Reinkarnation erlebte. Die Restaurierung und Renovierung wurden mit dem gleichen Grad an Präzision durchgeführt wie die architektonische Konzeption durch Mallet-Stevens an sich - originale Baupläne existierten nicht mehr, man behalf sich mit Fotografien und Zeitdokumenten, um die Raumstruktur zu rekonstruieren, nutzte Verzeichnisse, um versteigertes Mobiliar wieder zu beschaffen und ursprünglich verwendetes Baumaterial nachzuvollziehen. Akribischer Perfektionismus und viel Zeit gaben dem Gebäude zurück, was letztere ihm genommen hatte. Heute findet sich auf dem Gelände der Villa eine Art architektonisches Blue Print ihrer selbst, die seit Juli diesen Jahres von der Öffentlichkeit besichtigt werden kann.



Es ist heiß, beinahe schwül, der Juni macht sich bemerkbar. Wir drehen eine Runde in der Gartenanlage, bevor wir das Gebäude betreten. Scharfe Augen achten darauf, dass wir auch ja nicht auf den saftig grünen Rasen treten. Von den ehemaligen zweiunddreißigtausend Quadratmetern Gelände sind heute noch neunzehntausend übrig. Auch der Garten wurde in den geometrischen Grundgedanken eingeformt, ein schmaler Kiesweg führt um das Bassin vorbei, das an einen Schlossgarten aus dem achtzehnten Jahrhundert erinnert. Von hier lässt sich ein ruhiger Blick über das Gelände werfen, das ideale Postkarten-Motiv. Die in frischem Stolz leuchtende Fassade der Villa liegt mit einer Länge von fast sechzig Metern an der Stirnseite des Gartens, lässt den letzten Feinschliff durch die Arbeiter, die noch über das Gelände springen, geduldig über sich ergehen. Die Außenseite des Gebäudes kleidet sich in ockerfarbene Klinkersteine, in sich überlagernde Flächen, in intensionalisierte Symmetrie.
Wir betreten die Villa über die Zufahrt durch den breiten Haupteingang und bekommen sofort Überzieher für unsere Schuhe in die Hand gedrückt. Ein leicht chemischer Geruch hängt im Gang, der weicht, als unsere Führerin die schweren Türen zum Empfangssaal öffnet. Warmes Licht fällt durch die verglasten Terrassentüren. Innen spiegelt das Haus ein lang zurück liegendes Jahrzehnt in die Gegenwart, eine vergangene Philosophie für familiäres Zusammenleben und ein stiltypisches Verständnis für Luxus. Keine Ecke des Hauses, kein Bauelement, die nicht intensionalisiert wirken. Moderne in kompromissloser, architektonischer Reinheit - definitiv beeindruckend, und definitiv nicht für jeden geeignet.
Unsere Führerin schwebt mit uns durch die Räume, schwärmt vom Haus und seinen klaren Linien als Hommage an die Cinématografie und bekommt einen feurigen Blick, wann immer die Finger der Besucher an den Türrahmen oder Gegenständen landen. Die Struktur des Hauses wird organisiert von Funktionsbereichen - Bereiche für die Eltern, Bereiche für die Kinder, für den Empfang von Gästen, für die Arbeit, Spiel, Erholung und Sport. In den Räumen schwarzer, gelber, grüner und weißer Marmor, Aluminium und Opalglas, Mobiliar und Wandverkleidungen aus Mahagoni und Birnbaum und von Hand abgeschliffenes Fischgrätenparkett, indirektes Licht und zeitgemäß modernste Technik wie Telefone, kabelloses Radio und Lautsprecher in jedem Zimmer. 




Das Konzept : Luxus durch Pragmatismus, Qualität und Ökonomie, die keinen Platz für Kitsch und unnötigen Zierrat lassen.  
Luft, Licht und Komfort, meint unsere Führerin, das sei die Seele des Hauses. Man müsse sich ihr öffnen, sie fühlen.
Wir können sie fühlen. Jede Ecke des Hauses scheint aufgeladen zu sein mit Erinnerungen an eine Familie, an ein Leben in einem weit zurückliegenden Jahrzehnt. Man muss nur dem zuhören, was das Haus über die vergangene Lebenswelt erzählt. Doch um wirkliche Schlichtheit zu vermitteln, ist die Villa zu voluminös. Das Haus kommt leicht daher, dennoch empfinde ich die kompromisslose Akkuratheit als bedrückend. Anders als Tobias, dem eigentlichen Nostalgiker von uns beiden. Dessen Augen leuchten spätestens beim Anblick des wabenförmigen Raucherzimmers mit dunkler Holzverkleidung so enthusiastisch, dass ich für einen Moment froh bin, kein millionenschweres Vermögen und ein Grundstück im Besitz zu haben, auf das eine kubistische Villa passen würde.

Nächste Station :  folgt 

Unser Anreisetipp:  
Von Mittel- & Nordeutschland aus erreicht man Lille und Roubaix am besten mit dem Hochgeschwindigkeitszug Thalys ab Köln oder dem ICE International ab Frankfurt am Main. Von Brüssel aus empfiehlt sich der TGV, der Lille Europe nach gerade einmal 34 Minuten Fahrzeit erreicht. Ab Süddeutschland besteht auch die Möglichkeit Lille per TGV mit Umstieg in Paris zu erreichen. Die Villa selbst ist per Straßenbahn von Lille aus erreichbar. Haltestelle : Villa Cavrois. 

 // Bahntickets //  Hier findest du nationale & internationale Bahn-Sparpreise 


Unsere Linktipps :
Günstige Unterkünfte in Lille auf booking.com
Günstige Unterkünfte in Roubaix auf  booking.com
Informationen zur Villa auf villa-cavrois.fr
Bilder und Skizzen der Villa auf villacavrois.blogspot.fr
Die Villa auf rendezvousenfrance.com
Die Region Nord-Pas de Calais auf  nordfrankreich-tourismus.com

Vielen Dank an Atout France , die uns zu dieser Reise nach Nord-Pas de Calais eingeladen haben.


Villa Cavrois von Mallet-Stevens

von Marc Zitzmann le 3.9.2015
in Neue Zürcher Zeitung

Feudalherr trifft Avantgardist


Als Hauptwerk eines synthetischen Modernismus angesehen, wurde eine Villa bei Lille, Schöpfung eines grossen französischen Architekten des 20. Jahrhunderts, vor dem Verfall gerettet. Ein Augenschein.


Hätte Stephen King seinen Kultroman «The Shining» nicht im gebirgigen Colorado angesiedelt, sondern im flachen flämischen Nord-Pas-de-Calais, die Villa Cavrois wäre der ideale Handlungsort gewesen. Womöglich hätte sich die schwarze Messe so in eine weisse verwandelt, der winterdunkle Horrortrip in eine sommerhelle Gespenstergeschichte, evoziert die seit Mitte Juni für Besucher zugängliche Behausung doch die Geister einer begüterten Grossfamilie der 1930er Jahre – aber in Form von Schattenrissen, Charaden, en filigrane.



Präsenzen werden hier als Absenzen mehr spür- als fassbar; die neun Familienmitglieder und ihre Domestiken sind nirgends zu sehen, aber vielerorts zu erahnen. Im elterlichen Badezimmer und an der Sprossenleiter des Freiluftschwimmbads hängt ein Morgenmantel, in der Küche liegen Zwiebeln auf einer Zeitung, im Fumoir schrillt immer wieder ein Telefon. Und überall Gedrucktes: ein Ratgeber für sparsame Hausfrauen in der Anrichte, eine anzügliche Novelle im Zimmer eines adoleszenten Sohns, Romane von Simenon, deren Titel leichte Gänsehaut erzeugen: «Die Unbekannten im eigenen Haus», «Die Leute gegenüber» . . .


Familiensitz eines Feudalherrn

Wer sind diese Unbekannten, die heute alle die Reise ohne Rückfahrkarte in die Welt von gegenüber angetreten haben ? Paul Cavrois (1890–1965), das Familienoberhaupt, besass in Roubaix bei Lille Textilmanufakturen, die bis zu 700 Angestellte zählten. Zeitzeugen beschreiben ihn als einen Paternalisten, wo nicht gar einen Feudalherrn von unerschütterlicher Jovialität. Jagd und ein ungezwungener Plausch mit Viehzüchtern waren seine liebsten Freizeitvergnügungen – eine Mischung aus Industriekapitän und Gentleman-Farmer.

Schwimmbad in der Villa Cavrois.

Schwimmbad in der Villa Cavrois. (Bild: Jean-Luc Paillé / CMN)
Nichts bestimmte ein brav die behaglichen Kreise des Grossbürgertums ausschreitendes Temperament wie das seinige dazu vor, bei einem Pariser Avantgarde-Architekten einen Bau in Auftrag zu geben, der heute als ein Manifest des Modernismus angesehen wird. Und tatsächlich hatte Cavrois zunächst bei einem Propagator des flämischen Regionalstils einen Familiensitz ganz nach dem biederen Geschmack seiner Standesgenossen bestellt. Doch dann nahm er an der Pariser Weltausstellung des Kunstgewerbes und Industriedesigns von 1925 teil, nach welcher der Art-déco-Stil benannt wurde. Und bekam dort den Pavillon du tourisme zu sehen sowie, gleich neben dem Textil-Pavillon von Roubaix-Tourcoing, kubistische Beton-Bäume – beides Kreationen von Robert Mallet-Stevens (1886–1945), die der punkto Architektur doch weidlich konventionellen Ausstellung modernistische Glanzlichter aufsetzten.

War es ein künstlerischer Coup de foudre? Der Wunsch, sich von seinem Milieu abzuheben? Cavrois entband den ursprünglich vorgesehenen Regional-Architekten, besuchte 1927 die soeben vollendete Rue Mallet-Stevens in Paris sowie, etwas später und gemeinsam mit Mallet-Stevens, Josef Hoffmanns Palais Stoclet in Brüssel und Willem Marinus Dudoks Rathaus von Hilversum – zwei Inspirationsquellen der Villa, die der Industrielle 1929 bei Mallet-Stevens in Auftrag gab. Dieser resümierte die Vorgaben des Bauherrn mit den Worten «Luft, Licht, Arbeit, Sport, Hygiene, Komfort, Ökonomie». In den späten 1920er Jahren kein wirklich revolutionäres Programm – aber Mallet-Stevens war weniger ein doktrinärer Umstürzler wie (damals) Le Corbusier, dessen Villa Savoye manchmal als das Gegenstück zur Villa Cavrois bezeichnet wird, denn ein sensibler, sorgfältiger, sehr französisch auf Mass bedachter Baukünstler.

Schloss und Ozeanriese

Die 1932 mit standesgemässem Pomp (Feuerwerk, Lichtspielen, Blumenregen aus dem Flugzeug) eingeweihte Villa schreibt sich ein in eine jahrhundertealte Tradition. Das Mittelstück des Baus um den kubischen Salon bildet eine Art Corps de logis, den zwei asymmetrische Flügel flankieren. Jener im Osten beherbergte die Eltern und die beiden jugendlichen Söhne, jener im Westen die jüngeren Kinder und die Domestiken. Auch die Placierung zwischen dem Vorplatz (dessen kurvige Fahrwege nicht für Kutschen, sondern für Autos konzipiert sind) und dem Garten verweist auf das Modell französischer Châteaux bzw. Hôtels particuliers.

Freilich fusioniert Mallet-Stevens das Alte mit dem Neuen, evoziert die Silhouette der Villa doch zugleich ein Schloss und einen Ozeanriesen. Auch im Innern verleihen avantgardistische Farben und Vorrichtungen der traditionellen Raumverteilung ein fortschrittliches Cachet. In seiner Standardmonografie weist Richard Klein der Villa die Rolle eines Manifests des «synthetischen Modernismus» zu: «Die Gestaltung der Beleuchtung, der Polychromie und des Mobiliars sowie die Verwendung moderner Techniken und Ausstattungselemente machen aus ihr das vollendetste Werk von Mallet-Stevens und zeigen seine Fähigkeit, sich aller Dimensionen der Architektur anzunehmen.»


Zwischen 1932 und 1939 wurde der Bau durch Fotos weitherum popularisiert – die Fachzeitschrift «L'Architecture d'Aujourd'hui» etwa, Bannerträgerin des Modernismus, widmete der Villa 1932 ein dickes Dossier, zwei Jahre später gar eine Monografie. Doch Mallet-Stevens, der in den 1930er Jahren wegen der Wirtschaftskrise nur noch wenig baute und Anfang 1945 verstarb, geriet peu à peu in Vergessenheit – und mit ihm sein Hauptwerk. Erst durch deutsche, dann durch französische Soldaten requiriert, wurde die Villa ab 1947 durch Cavrois in ein Mehrfamilienhaus für sich und zwei seiner Söhne verwandelt. Der Bauherr starb 1965, seine Frau zwanzig Jahre später.

Mit Lucie Cavrois Tod beginnt ein trauriges Kapitel der Geschichte der Villa. Die Möbel werden verkauft, Bau und Grundstück 1988 durch eine Immobilien-Hyäne übernommen, die allein darauf sinnt, sechs vielstöckige Mietshäuser in die fünf Hektaren grosse Parkanlage hinzuklotzen. Als der Staat das Anwesen 1990 zwangsweise unter Denkmalschutz stellt, kontert der Besitzer mit kaum verhohlener Erpressung: Er lässt den Bau verfallen, ja durch Vandalen plündern, um die öffentliche Hand zum Nachgeben zu zwingen. Was ihm wenigstens partiell auch gelingt: 2001 – in der Villa wachsen inzwischen Bäume – wird ihm die Bebauung von zwei Dritteln der im Prinzip ja denkmalgeschützten Parzelle gestattet. Im Gegenzug verkauft er die Villa und das letzte Drittel des Parks an den Staat.

Vielfalt und Verklammerung

Die Restaurierung erst der Fassaden und Dächer, dann des Vorplatzes und des gleich an die Villa anschliessenden Gartenteils, endlich des durch Wasserschäden und Plünderungen arg entstellten Gebäudeinneren zieht sich ab 2003 über zwölf Jahre hinweg, erst unter der Leitung des Kulturministeriums, dann des von diesem abhängenden Centre des monuments nationaux, das rund hundert staatseigene Schlösser, Sakralbauten, Schriftstellerhäuser usw. verwaltet (darunter lediglich zwei «Monumente» des 20. Jahrhunderts, die Villen Cavrois und Savoye). Dem finanziellen Aufwand – die Gesamtkosten belaufen sich auf stolze 23 Millionen Euro – entspricht die Sorgfalt der Instandsetzungsarbeiten unter der Leitung des Architecte en chef des monuments historiques Michel Goutal.

Die Villa mit ihrer Tragstruktur aus Beton und ihrer doppelten Backstein-Füllung ist nunmehr wieder mit blassgelben Ziegeln ausgekleidet, deren waagrechte Fugen hervortreten und so die Horizontalität der Fassaden betonen. Was sogleich beeindruckt, ist die schiere Grösse des sechzig Meter langen Baus, der 1840 Quadratmeter Wohnfläche aufweist (zuzüglich 830 Quadratmeter Terrassenfläche). Die Orientierung im Innern ist indes ein Kinderspiel, verbindet doch im Unter-, Erd- und Obergeschoss je ein langer Gang die südseitig gelegenen Haupträume miteinander. Ins Auge fallen ferner die Vielfalt und Hierarchisierung des fast in Gänze durch Mallet-Stevens selbst entworfenen Mobiliars, von den luxuriös-gediegenen, aber recht kühlen Repräsentationsräumen über die schwarz-weissen Hygiene-Tempel der Küche und des Eltern-Bads bis zum vielfarbigen De-Stijl-Interieur des einem der beiden jugendlichen Söhne gehörenden Zimmers.

Bemerkenswert : Zwei Fassadenelemente ziehen sich leitmotivisch durch das Innere. Die waagrechten Bänder der Fensterfronten, Balkon- und Terrassengeländer variieren die Verkleidungen der Heizkörper einfallsreich; und die abgerundeten Vertikalen des Haupteingangs übernehmen etliche Cheminées und die Milchglas-Lichtkästen beidseits der Doppeltür zum Salon.

Geisterhaus ?


Ziel der Restauration war es, den Zustand von 1932 wiederherzustellen. Die Umbauten der Nachkriegszeit wurden allesamt rückgängig gemacht, etliche Möbel zurückgekauft, andere (namentlich Einbauten) nachgeschaffen. Doch viele Originale gehören Privatleuten, die sich nicht von ihnen trennen wollen. So sind manche Räume vollständig möbliert, andere aber fast leer. Die Spannung zwischen den Polen Plus und Minus überträgt sich auf den Besucher: Er flaniert durch ein Haus, das weder bewohnt ist noch unbewohnt – (k)ein Geisterhaus. Umschmeichelt ihm im Boudoir der Duft von Lucie Cavrois Parfum die Nase, mag das ständige Oszillieren zwischen Präsenz und Absenz gar ein Schwindelgefühl hervorrufen . . .